Wenn das Zeigen von Angst zum Luxusgut zu werden scheint
- Dr. Bettina von Seefried

- 11. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Nun liegen wieder zwei intensive Wochen in Sanya Juu am Charlotte Hospital in Tansania hinter uns.
Inzwischen kennen wir diesen Ort, und wir lieben ihn – ebenso wie die Menschen, die hier leben. Die Schwestern zeigen uns jeden Tag aufs Neue, was es bedeutet, mit unerschütterlicher Barmherzigkeit und Liebe zu handeln und selbst unter bescheidensten Verhältnissen medizinisch für alle da zu sein, die Hilfe brauchen.
Wir reisen jeweils mit einer Gruppe von Ärztinnen und Ärzten, die von Pater Bennett zusammengestellt wird und im Rahmen seiner Organisation Medical Mission Network arbeitet.
Dieses Jahr möchte ich von einem kleinen, aber sehr eindrücklichen Erlebnis erzählen.
Eine Frau kam in den Notfall. In dem für die Massai typischen Rückentuch trug sie ihr 14 Monate altes Kind. Das Kind hatte eine schwer eiternde, tiefe Wunde in der Backe. Eigentlich muss man sagen: Die Backe war regelrecht zerfressen vom Eiter, es bestand eine grosse Wundhöhle. Die Wunde war bereits eröffnet worden – wann und wo genau, blieb unklar.
Wie die meisten Patientinnen und Patienten dort war die Frau Massai. Sie sprach Maa, ihre eigene Sprache, verstand etwas Kiswahili, aber nur begrenzt. Es brauchte also Übersetzer.
Als ich mich ihr näherte, fiel mir – wie schon in früheren Jahren in ähnlichen Situationen – ihr völlig neutrales Gesicht auf. Keine sichtbare Sorge, kein Mitgefühl, keine emotionale Kontaktaufnahme mit dem Kind oder mit uns.
Und ich merke, wie das bei mir etwas auslöst. Gedanken, die sich fast automatisch einstellen: Das ist eine so arme Gegend, vielleicht haben die Menschen weniger Zugang zu ihren Gefühlen. Vielleicht ist es ihnen egal. Vielleicht akzeptieren sie Krankheit einfach als Schicksal.
Diese Gedanken machen mich wütend. Ich frage mich:
Warum ist die Mutter nicht früher gekommen?
Warum wurde die Wunde nicht besser geschützt?
Warum dieser schmutzige Lappen, warum die Fliegen?
Warum fordert niemand mehr vom Leben ein?
Ich erzähle dies, weil mich diese Reaktionen und was später kommt nachdenklich stimmt und auch beschämt. Es ist mir immer wieder passiert, dass ich fälschlicherweise Gleichgültigkeit sehe bei den Patienten, die sicherlich zu den finanziell Ärmsten gehören, was wir uns erdenken können.
Im Team hatten wir das grosse Glück, eine Zahnärztin mit Zusatzausbildung in Kieferchirurgie dabei zu haben. Gemeinsam entschieden wir, das Kind zu operieren.
Man muss sich vorstellen: Bei uns wäre allein die Anästhesie eines 14 Monate alten Kindes eine grosse Sache. Der Ort, die Infrastruktur, die vielen Sicherheitsüberlegungen. Hier hingegen – weil es keine Alternative gibt – wird nicht lange gezögert.
Der Pfleger, der im Charlotte Hospital alle Narkosen durchführt und dafür ausgebildet ist, sagte ruhig, er habe viel Erfahrung mit Kindern. Er werde eine Maskennarkose machen, wir sollten uns keine Sorgen machen. Und so wurde es gemacht.
Wir reinigten die Wunde gründlich, legten einen entsprechenden Verband an. Mutter und Kind blieben noch einige Tage im Hospital, damit die Wunde täglich gespült und versorgt werden konnte.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell Wunden hier heilen. Deutlich schneller als bei uns. Auch hier: Schon nach kurzer Zeit bildete sich frisches Gewebe, die Tiefe der Wunde nahm ab, man sah, wie die Heilung von unten nach oben voranschritt.
Natürlich wird es noch Wochen dauern, bis die Haut vollständig zugewachsen ist. Und es wird eine Narbe bleiben.
Doch das eigentlich Eindrückliche geschah auf einer anderen Ebene.
In dem Moment, als die Mutter sah, dass es ihrem Kind besser ging – dass ihm geholfen wurde –, veränderte sich ihr Gesicht. Das Kind war nicht mehr apathisch, hatte nach der Operation und den Antibiotika kein Fieber mehr.
Und plötzlich öffnete sich etwas.
Ihr Gesicht war vollerGlück, Erleichterung und Dankbarkeit.
Man konnte sehen, wie viel Sorge sie vorher getragen haben muss – eine Sorge, für die es in diesem Land kaum Raum gibt. Denn man lebt hier mit der ständigen Akzeptanz, dass die bescheidenen Verhältnisse Schicksalsschläge mit sich bringen, gegen die man sich nicht wehren kann.
Nun aber war da dieses sonnige Gesicht. Und man spürte, wie viel Liebe diese Mutter ihrem Kind entgegenbringt – eine Liebe, die auf eine harte Probe gestellt worden war.
Seither kümmert sie sich sehr sorgsam um die Wundheilung. Sie lebt im Gebiet der Massai, in der Ebene zwischen Mount Meru und Kilimanjaro. Dort gibt es eine auch von den Heilig-Geist-Schwestern geführte Dispensary, die St.-Hildegard-Dispensary.
Wir konnten das Kind dort weiter betreuen und kontrollieren.
Und ich bin sicher: Es wird eine Erfolgsgeschichte werden – eine von vielen stillen, leisen Erfolgsgeschichten unseres Einsatzes hier in Tansania.
Asante sana.


Kommentare